Infolge seiner aussergewöhnlich günstigen geographischen Lage im Schnittpunkt aller ostwestlich und nordsüdlich verlaufenden Verkehrswege ist Han k’ou für den inländischen Handel jeher sehr wichtig gewesen. Der überaus rege Schiffsverkehr in diesem bedeutenden Binnenhafen Chinas bestätigt das. Han-k’ou ist der wichtigste Binnenplatz für den chinesischen Teehandel; ausserdem werden Häute, Arzneien, Chinagras, Holzöl, Sesamsaat und Rohseide ausgeführt; als hauptsächliche sind Metallwaren, Petroleum, Zucker, Wolle und Baumwolle zu nennen. Infolge des vielseitigen Handels hat Han-k’ou je länger je mehr an Ausdehnung gewonnen und macht auch äusserlich einen recht günstigen, stellenweise sogar einen weltstädtischen Eindruck!

 

 

…Westlich von Han-k’ou mündet der Han-Fluss in den Yang-tse-kiang. Auf einem 60 Meter hohen, langgestreckten Bergrücken liegt die Stadt Han-yang…

 

…Der bedeutendste Nebenfluss des Yang-tse-kiang auf chinesischem Boden ist der Han-kiang, der im Ts’in-Ling, im südlichen Teil der chinesischen Provinz Schen-si entspringt.

 

Der Han-Fluss durchströmt die reiche Provinz Hu-pei. In seinem Oberlauf bewässert er das fruchtbare Becken von Han-tschung-fu und berührt weiter östlich nochmals das Ts’in-Ling-Gebiet. Die wilde Gewalt seiner reissenden Wasser erzwingt sich den Weg durch das Gebirge. Sie sägen Felswände durch, spotten der grössten Hindernisse und eilen in mächtigen Stromschnellen talwärts.

 

Bei Lao-ho-k’ou nimmt der Han-kiang von Osten her den Tan-ho auf. Die vereinigten sehr wasserreichen Flüsse biegen hier in südlicher und südöstlicher Richtung ab und bewässern die mit Baumwolle bepflanzte Ebene, die sich an beiden Ufern des Han-kiang bis zur Mündung immer weiter ausbreitet. Die Gesamtlänge des Han-Flusses beträgt ungefähr 1500 Kilometer, sie übertrifft die unseres Rheins.

 

Von der ungeheuren Ausdehnung des Reiches der Mitte gewinnen wir erst annähernd eine Vorstellung, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass sein Rauminhalt allein 1/34 der gesamten Erdoberfläche darstellt.

 

China wird in 18 Provinzen (jede dieser Provinzen zerfällt wiederum in „Fu", „Tschou" und „Hien". „Fu" entspricht etwa dem Begriff des Regierungsbezirks, „Tschou" und „Hien" sind Kreis- und Bezirksverwaltungen) eingeteilt, die hier angeführt seien: In der Nähe des Meeres erstrecken sich die Provinzen Tchi-li, Schan-tung, Kiang-su, Tsche-kiang, Fu-kien und Kwang-tung, daran anschliessend im westlichen Hinterland Schan-si, Ho-nan, An-hui, weiter östlich davon Hu-pei, Kiang-si, Hu-nan und Kwang-si, sowie weiter gen Westen fortschreitend Schen-si, Kann-su, Szi-tschuan, Kwei-tschou, und ganz westlich endlich die Provinz Yün-nan.

 

.... Unser Hausboot schwamm gleich einer Ente den Yang-tse aufwärts, von den Kulis durch zwei starke Ruder getrieben, die seitlich auf vorstehenden Pfosten so auflagen, dass sie dem Schiffe parallel bewegt werden konnten. Das Rudern der Kulis erfolgte unter Absingen eines chinesischen Liedes, das die Hoffnung auf eine glückliche Fahrt zum Ausdruck brachte. Wie gefahrenreich diese Wasserreise in der Tat war und wie sehr sie des Beistands der Götter bedurfte, werden wir später sehen; denn der Han ist ein tückischer Fluss mit vielen Klippen und Schnellen, Untiefen und widrigen Winden. Die Götter habe – das sei hier gleich vorausgeschickt – das Flehen und die Gesänge unserer Bootsbesatzung tatsächlich auch erhört; ein grösserer Unfall ist uns nicht begegnet! Nach fast einstündiger Fahrt waren wir an jene Stelle gekommen, wo zwischen tief eingeschnittenen der höchstens 70 Meter breite Han-kiang mündet. Die Riesendampfer und Kriegsschiffe der verschiedenen Nationen – deutsche, englische und japanische – lagen nun hinter uns. Die Kulis stellten das Rudern jetzt ein; wegen der Unzahl kleiner Schiffe, die den Strom belebten, konnten wir nur mit Hilfe der Bootshaken an den umliegenden Fahrzeugen in der gewünschten Richtung vorwärts kommen. Wie Krabben bewegten sich die Hunderte von Dschunken, kleinen Dampfboote und Kähne durcheinander, die sich gleichsam automatisch mit den langen Bootshaken an den Planken oder vorstehenden Ecken anderer Boote einhaken und daran vorbeiziehen; einer schob beinahe den anderen. …An den steil aufragenden Ufern kleben schwalbennestartig kleine Häuschen. …Zu allem Überfluss erschwert eine Stromschnelle das Vorwärtskommen nicht unerheblich. Diese Stromschnelle ist auf den Wechsel der Abflussgeschwindigkeit im Mündungsgebiet des Han zurückzuführen. Ihre Stärke schwankt je nach dem Wasserstand des Han, vor allem aber auch nach dem des Yang-tse-kiang, dessen Wassermenge im Januar in der Sekunde etwa 4000cbm beträgt, während sie im August auf ungefähr 35000cbm steigt. Die mittlere Wasserführung beläuft sich auf etwa 19500cbm in der Sekunde. Weiterhin ist auch der maximale Wasserstandsunterschied des Yang-tse-kiang zwischen Sommer- und Winterzeit in Höhe von 15 Meter zu berücksichtigen. Hat der Yang-tse-kiang niedrigen Wasserstand, so bilden sich im Mündungsgebiet des Han-kiang naturgemäss Stromschnellen, weil die im Oberlauf des Han angestauten Wassermengen in dem engen Mündungsgebiet nicht mit derselben Geschwindigkeit abfliessen können, wie die Wasser des Yang-tse-kiang- So nimmt die Vorwärtsbewegung der Schiffe in dieser Enge oft viele Stunden in Anspruch. Ein wahrer Wald von Schiffsmasten ragt aus dem Wasser empor; in drangvoll fürchterlicher Enge reiht sich Boot an Boot. An Bord dieser schwimmenden Wohnungen herrscht meist fröhlich-bewegtes Leben. Nur der Aussenwand der Holzkolosse soll man möglichst fernbleiben, wenn man nicht mit all dem Unrat nähere Bekanntschaft machen will, den die Frauen höchst sorglos durch das Bootsfenster in den Fluss zu befördern pflegen! …

 

…Allmählich lichten sich die Reihen der an den Ufern verankerten Boote. Jetzt wird es auch möglich, statt des Bootshakens das Ruder oder den Zug mit dem Seil zu verwenden, um rascher vorwärts zu kommen. Dann schleppen die Kulis auf einem Treidelpfade, der selbst im ungangbarsten Gelände an den Ufern des entlangführt, das Boot am Rohrseil, während der Kapitän das Steuerruder weit abdreht, so dass die Fahrtrichtung des Bootes trotz des einseitigen Zuges der Stromlinie parallel bleibt.

 

Der Fluss wird jetzt breiter; die zurücktretenden Ufer werden niedriger und bilden einen natürlichen Flusshafen. Auch der Verkehr und das unruhige Treiben auf dem vielgewundenen Wasserweg und seinen einförmigen Ufern wickelt sich reibungsloser ab. …

 

… Da das Han-Wasser am Unterlauf ungeniessbar ist, führte ich grosse Tongefässe zum Filtrieren und Reinigen mit. …

 

 

 

 

 

… Als wir am Abend einsam an einem geschützten Uferfleck vor Anker gingen, schätzten wir uns glücklich, unserem Begleiter, dem chinesischen Kanonenboot, entronnen zu sein. Doch diese Freude war verfrüht. In später Abendstunde hatte uns der Kommandant des Kriegsfahrzeugs nach langem Suchen an unserem idyllischen Plätzchen wieder aufgestöbert. Der Vizekönig von Hu-pei hatte mir das Kanonenboot angeblich zum Schutze gegen Überfälle gestellt, und so reisten wir unter militärischer Eskorte wie grosse Mandarine und Würdenträger. Das war mir aber keineswegs willkommen. Ich wollte gerade möglichst unauffällig China durchreisen. …

 

Im Überschwemmungsgebiet des Han. Lao-Ho-K’ou

 

(…)

 

Über Stromschnellen und Sandbänke nach Hing-an-fu

 

(…)

 

Anstieg auf den Ts’in-ling

 

(…)

 

seite 54

 

…Noch befanden wir uns auf dem Südhang des Ts’in-ling. Immergrüne Lauben füllten die Tälchen, zwischen mächtigen Felsen gediehen Stechpalmen, kleine Sträucher mit roten Beeren und Huflattich; wohin sich der Blick auch wandte, grünte eine mannigfaltige Hochgebirgsflora.

 

Die Tragtiere wurden von den schlechten, steinigen Wegen hart mitgenommen. Dass sie überhaupt aushielten, ist nur dem Umstand zu danken, dass ich den Tieren Erbsen und Kleie als Futter zu reiche vermochte.

 

Am 25. Februar überschritten wir auf einem leichten, vielgewundenen Pass einen mächtigen, halbkugelähnlichen Bergrücken. Auf der Passhöhe ist auf einer Steintafel zu lesen, dass früher nur ein ganz schlechter Weg hierher führte, und dass vor sechs Jahren durch die Opferwilligkeit des Priesters Sün-wang-ku-li dieser neue Weg gebaut worden sei. Von hier aus gelangten wir bald ïn ein enges, steiniges Tal, wo wir farbenprächtige Elstern mit langen, violett-weissen Schwanzfedern in derart ausserordentlicher Menge antrafen, wie ich sie nur einmal noch am Südhang des eigentlichen Hauptpasses zu sehen bekam.

 

Jetzt mussten die Soldaten für Quartiere sorgen; die Unterkunftsverhältnisse gestalteten sich deshalb leidlich. Dafür machte sich ein anderer Missstand geltend; die gesamte Einwohnerschaft der Gebirgsdörfer, in denen ich zu nächtigen gedachte, erwartete meine Karawane jedesmal am Dorfeingang. Da bislang noch kein Europäer diese Orte betreten hatte, so war unser Erscheinen ein besonderes Ereignis, aber wie es schien, auch eine Enttäuschung für die Tsing-ling-Bewohner; denn einige gaben ihrem Unwillen Ausdruck und versicherten meinem Diener, sie hätten sich die Europäer viel bösartiger und hässlicher gedacht! In der Tat, der „fremde Teufel" („Yang-kui-tzi") wird in China so furchtbar böse dargestellt, dass man es verstehen kann, dass diese Leute arg enttäuscht waren. Unseren deutschen Kriegern ging es 1870-71 in Frankreich auch ähnlich; beim Einrücken ins Quartier flüchteten die Franzosen, Männlein und Weiblein, vor den Barbaren, und doch – so erzählt man sich – soll der Abschied später dann beiden Teilen oft nicht gar leicht gefallen sein! Von einigen gegen uns gerichteten Steinwürfen und Schmähungen abgesehen, benahmen sich die Chinesen im Ts’in-ling verhältnismässig anständig. Die grösste Sehenswürdigkeit bildete natürlich meine europäische Begleiterin, die „Tai-tai", die im Herrensitz ritt und nicht, wie die chinesischen Frauen, in einer Sänfte getragen wurde. Dass meine Begleiterin mit mir zusammen sogar die Mahlzeiten einnahm, fanden die Chinesen ungehörig….

 

(…)

 

…Auch den Ts’in-ling hatten wir nun glücklich überwunden. Als nächstes Ziel galt es Lan-tschou-fu, die Hauptstadt der chinesischen Provinz Kann-su, zu erreichen.

 

Über das Lössgebiet nach Ping-Liang

 

Si-an-fu, die bedeutende Hauptstadt der Provinz Schen-si, gleichzeitig die älteste Kulturstädte Chinas, liegt sorgsam eingebettet und geschützt inmitten der unerschöpflichen Kornkammer des Landes. In dieser Provinz, die der Ts’in-ling mit seinen mächtigen Höhenrücken durchschneidet, residierten seit der Ts’in-Dynastie die „Söhne des Himmels", die Herrscher des Reiches der Mitte. Von Si-an-fu aus, das früher, trotzdem es wiederholt zerstört und immer wieder aufgebaut wurde, den Namen „Ewider Friede" geführt hatte, nahmen die entscheidenden Eroberungszüge ihren Ausgang. Si-an-fu ist die Wiege der chinesischen Kultur, die sich von hieraus allmählich über den gesamten äussersten Osten verbreitete.

 

 

 

 

 

Wenngleich die einstige Residenz Si-an-fu die Führung in späterer Zeit an Peking abgeben musste, so ist der Eindruck dieser uralten Stadt bis auf den heutigen Tag ein überragender. Selbst die ziemlich verwahrlosten Vorstädte, die immer noch die Wundmale der Zerstörung durch die Mohammedaner tragen, und die sich bis an die Kernmauern der Innerstadt herandrängen, vermögen den grossartigen Eindruck Si-an-fus nicht abzuschwächen. Wenn der Fremde durch eines der stolzen Tore das Stadtinnere betritt, gewinnt er alsbald einen Begriff von der Regsamkeit und Vielgestaltigkeit dieses bedeutenden chinesischen Handelsplatzes. Zur Zeit meiner Anwesenheit zählte Si-an-fu etwa eine Million Einwohner; die Mohammedaner, die ärmsten unter den Armen, denen die Behörden immer noch mit Misstrauen und Verachtung begegnen, mit eingerechnet.

 

In Si-an-fu hat der Gouverneur der Provinz seinen Sitz; der Vizekönig der vereinigten Provinzen Schen-si und Kan-su hingegen residiert in Lan-tschou-fu. Das tut der Stadt keinen Abbruch; als Handelsmittelpunkt und strategischer Pfeiler hat sie nach wie vor ihren Platz behauptet. Nimmt doch auch hier im Wei-ho-Tale der bequeme Landweg seinen Anfang, der weiterhin über einen leicht gangbaren Pass, als einzig natürliche Verbindungsstrasse, nach Lao-ho-k’ou führt und das fruchtbare, reichgesegnete Wie-ho-Tal mit den ergiebigen Gebieten Südost-Chinas und mit den weitverzweigten Wasserstrassen des Yang-tse-kiang in Berührung bringt.

 

Wer, wie ich, das Wei-ho-Tal durchreiste, gewinnt auf den ersten Blick einen Begriff von der Fruchtbarkeit und dem Reichtum dieses Erdstriches. Der Landmann findet hier in idealer Vereinigung alle Vorbedingungen für nutzbringende Bebauung des Bodens; das Erdreich ist mürbe und leistet der Pflugschar keinen nennenswerten Widerstand. Die Bewässerungsverhältnisse sind durchaus günstig. (Die Chinesen leisten Hervorragendes in der Anlage künstlicher Wasserbauten). An unebenen Geländestrecken wird der Anbau des Weizens auf terrassierten Feldern ebenso erfolgreich durchgeführt. Die Provinz Shen-si ist somit einem Meer der Fruchtbarkeit zu vergleichen, das im Osten durch den Huang-ho in Nord-Süd-Richtung begrenzt wird. Die Fluten dieses Meeres finden nach Osten hin in der Enge zwischen dem westöstlich sich hinziehenden Unterlauf des Huang-ho und dem Ts’in-ling einen natürlichen Abfluss nach dem Gelben Meere. An der Einmündung des Wei-ho in den Huang-ho liegt die Stadt Tung-kwan, gleichsam als Schleuse und Stützpunkt für den Warenverkehr.

 

Um nächstes Ziel Lan-tschou-fu zu erreichen, musste ich Tung-kwan rechts liegen lassen und in entgegengesetzter Richtung weitermarschieren. Ehe ich aufbrach, besuchte mich in meinem Quartier ein Japaner, der von Kaschgar kam; wahrscheinlich war es ein Offizier. Zu unserer grössten Überraschung hörten wir aus seinem Munde allerlei aufregende Nachrichten: er erzählte vom Ausbruch des russisch-japanischen Krieges und von der Verschärfung des indisch-tibetischen Konflikts. Die Berichte des Japaners beunruhigten mich doch einigermassen, obgleich ich sie nicht nachprüfen konnte. Nach reiflicher Erwägung beschloss ich, um sicher zu gehen, mich mit der diplomatischen Vertretung des Deutschen Reiches in Verbindung zu setzen. Ich fragte telegraphisch bei der deutschen Gesandtschaft in Peking an: „Gestattet politische Lage Expedition Tibet? Beruhen Nachrichten über englisch-tibetische Kämpfe auf Tatsachen?"

 

Noch am gleichen Tag erhielt ich folgende Antwort: „Enlisch-indische Kämpfe Tatsache, politische Situation unberechenbar. Tibet Sicherheit nie garantiert. Mumm."

 

Da diese Antwort keinen ablehnenden Bescheid in sich schloss, traf ich Vorbereitungen, nach zehntätigem Aufenthalt in der Hauptstadt von Schen-si, meine Reise nach Lan-tschou-fu fortzusetzen. Von Si-an-fu nach Lan-tschou-fu führt die grosse Strasse, der Hauptverkehrsweg zwischen den Provinzen Schen-si und Kan-su, und so war es zweckmässig, das ganze Gepäck auf Karren zu verladen. …

 

…Meine drei Karren waren gleichartig. Jeder hatte zwei mannshohe, plumpe Räder an einer kurzen Holzachse, die unmittelbar am Wagen, also ohne Feder, angeschirrt war. Der Wagen selbst bestand aus einem ungefähr drei Meter langen Bretterboden über dem tunnelartig in der Längsrichtung eine Binsenmatte befestigt war. Der Reisewagen war rückwärts verschlossen; so gut es ging, hatte ich den Boden des primitiven Gefährtes mit Schilf, Stroh und Decken auspolstern lassen. Vorn über der Gabeldeichsel lag ein Sitzbrett für den Kutscher, der von hieraus die zwei oder drei an lange Geschirre Pferde mit den Zügeln und einem Stocke lenkte. Das Stangenpferd hatte den schwersten Dienst. Es trug neben der Hauptlast des Wagens beinahe dessen ganze vordere Belastung allein; daneben hatte es aber auch die heftigsten Stösse des federlosen Wagens auf der furchenreichen Strasse zu erdulden. …Bis Lan-tschou-fu dauerte die Wagenfahrt ohne Unterbrechung 16 Tage. Nur wer selbst schon einmal längere Zeit in solchen Karren auf chinesischen Landstrassen umhergefahren ist, vermag die damit verbundenen Qualen zu ermessen.

 

Es ist ein wirkliches Wunder, dass keiner der Teilnehmer infolge der dauernden, sehr unsanften Stösse eine Gehirnerschütterung davongetragen hat. Die vor Antritt der Reise fälligen Kosten beliefen sich für die beiden Karren mit einer Bespannung von je drei Pferden auf 165 Mark; für den mit zwei Pferden bespannten Reisewagen betrugen sie bei einer Wegstrecke von 650 Kilometern 56 Mark!

 

Mit gemischten Gefühlen traten wir unsere Wagenfahrt an. Kurz hinter Si-an-fu setzten wir mit Hilfe einer vielbenutzten Fähre über den Wei-ho und fuhren dann stromaufwärts bis zur Einmündung des gleich starken King-ho. Beide Flüsse entspringen im Löss-Gebiet der Provinz Kan-su. Dem Wei-ho strömen vom Ts’in-ling Gebirgsbäche zu; im Norden findet er Verstärkung durch ein wichtiges Netz von wasserreichen Flüssen, die grosse Teile der Provinz Schen-si durchströmen. Auch der King-ho mit seinem nördlichen, stärkeren Nebenfluss, dem Ma-lien-ho, ist für die Bewässerung jener Gegend von erheblicher Bedeutung.

 

Wir näherten uns allmählich wieder dem breiten Tale des versandeten King-ho, dem wir bis nach Ping-liang-fu auf der „Grossen Strasse" nach Lan-tschou-fu aufwärts folgten. Wir passierten Hsien-sang-hien und waren plötzlich in einer ganz anderen Welt, nämlich im Gebiet des Löss, einer Auflagerung feinen, lockeren Erdbodens von gelblich-brauner Farbe. Der Löss gleicht dem Lehm; nur ist er für Wasser völlig durchlässig. Er ist ein Kind des Windes, der in allen regenarmen, abflusslosen Gegenden feine, trockene Gesteinsreste als Staub in grosser Menge über weite Entfernungen hinwegträgt. Bei eintretender Windstille sinken diese Staubmassen zu Boden. Der Löss spielt nicht nur in der Landwirtschaft, im Verkehr und in den Siedlungen eine grosse Rolle, er ist es auch, der dem Huang-ho und dem „Gelben Meere" Namen und Färbung verliehen hat. Diese „Gelbe Erde" hat dem ganzen nördlichen China ihren typischen Charakter aufgeprägt und gewissermassen auch die Geschichte des chinesischen Volkes beeinflusst. Dies kommt uns so recht zum Bewusstsein, wenn wir berücksichtigen, dass der Löss über ganz China nördlich des Ts’in-ling eine ungeheure Decke breitet, ähnlich dem Inlandeis in den Festlandgebieten der Antarktis. Nord-Chinas Lösslandschaft übertrifft an Flächenausdehnung das Deutsche Reich ganz beträchtllich. Im Süden findet die „Gelbe Erde" im Süden ihre Begrenzung; doch hat der Löss selbst dieses hohe Gebirge an einigen wenigen Stellen überwunden. Im östlichen Teile des Ts’in-ling aber, dort, wo sich sein Massiv fingerartig teilt, und wo seine Ausläufer nach Osten hin immer unbedeutender werden, herrscht der Löss; nur die höchsten Bergkämme bleiben hier von der Einmantelung durch die wandernde Erde verschont. An einer Stelle, an der das Gebirge gegen die Ebene hin plötzlich abbricht, wälzt sich der Löss lavagleich gen Süden (der Süden Chinas ist vom Löss ganz frei) bis an den Oberlauf des Han und weiter zum Unterlauf des Yang-tse-kiang, den er, wenngleich in seltenen Fällen, sogar überschreitet. Gegen Hochtibet zu gebietet die Westgrenze des hydrographischen Netzes der grossen chinesischen Ströme dem weiteren Vordringen des Lössbodens Einhalt.

 

 

 

 

 

Diese Lössmassen überfluten die Landschaft, sie ebnen gleichsam Berge und Täler ein. Es ist festgestellt worden, dass sie Mulden von mehreren hundert, zuweilen sogar solche von über tausend Meter Tiefe ausgefüllt und dem Erdboden gleichgemacht haben. v.Richthofen gibt die Stärke des Lössbodens in der Provinz Schen-si mit 600 Metern an, während Loczy für die Provinz Kan-su eine Durchschnittsstärke von 50 bis 60 Metern ermittelte.

 

 

 

 

 

Langsam, keuchend und mit letzter Kraft bringen die erschöpften Zugtiere unseren schwerfälligen Reisewagen schliesslich über die fruchtbaren Lössstufen hinauf nach Kien-tschou, wo dann ebene Wegstrecken das Vorwärtskommen weniger mühevoll gestalten. Da die Beschaffung von Wasser in diesem Gebiet mit allerlei Schwierigkeiten verbunden ist, empfiehlt es sich, ausreichenden Wasservorrat mitzuführen. Die Strasse, auf der wir weiterzogen, schlängelte sich in unzähligen Windungen und Kurven durch das Gelände; hier trafen wir zum ersten Male auf wirkliche Höhlenwohnungen. Die „Treglodyten" schienen sich mit ihrem Anhang in diesen Erhöhlen jedoch ganz wohl zu fühlen. Meist sind die unterirdischen Behausungen ganz dicht am Wege, oft sogar unter dem Strassenniveau eingebaut, so dass wir mit unserem Fahrzeug verschiedene Male Gefahr liefen, die Hohlräume zu durchbrechen.

 

 

Endlich waren wir nun in Pin-tschou angelangt. Überall, soweit das Auge reichte, bis hoch hinauf an die Berghänge, zeigte die Lösslandschaft üppige Weizenfelder, Baumwollkulturen und weitläufige Pflanzungen von Hülsenfrüchten. Die Einwohnerschaft dieser Bezirke der Provinz Schen-si verhielt sich entgegenkommend und keineswegs fremdenfeindlich. In einer solchen Lösslandschaft wie Pin-tschou fanden wir jedenfalls viel mehr Unterstützung und Hilfsbereitschaft wie etwa in Hu-pei und manchen anderen Gegenden. Täglich begegneten uns oft mehr als hundertköpfige Kamelkarawanen, die vornehmlich Tee, Schafwolle (das Kätti Baumwolle kostet in Si-an-fu 220 Käsch), Moschus (Si-an-fu ist Haupthandelsplatz für Moschus. Er kommt vom Nan-schan-Gebirge und von den Gebieten südlich des Kuku-nor, wandert nach Lao-ho-k’ou und dann den Han abwärts nach Han-k’ou. Eine bestimmte Menge, die in Si-an-fu 15 Taels kostet, wird in Han-k’ou mit 50 Taels bezahlt. Im Nan-schan-Gebirge ist der Preis erheblich niedriger.), Papier und Tabak befördern. Aber auch Mandarine, die mit grossem Gefolge, mit Pomp und Prunk in ihren Sänften erscheinen, benutzen diese Strasse ebenso wie das niedrigste Volk der Bettler und Aussätzigen.

 

Bei Pin-tschou hatten wir wiederum den King-ho errreicht, dessen Tal sich hier um einige Kilometer erweitert, während die umgrenzenden Sandsteinhänge senkrecht in gähnende Tiefe stürzen. Mitten durch dieses Tal strömen die Wasser des King-ho. In diesem Gebiet trafen wir besonders häufig auf Erdwohnungen, die von den Chinesen in den Steilwänden der das Tal begrenzenden Höhenzüge eingebaut waren. Wir liessen nun den King-ho, der inzwischen den weit bedeutenderen Ma-lien-ho von Norden her aufgenommen hat, rechts liegen und nahmen über Tsch’ang-wu-hien Richtung auf die Stadt King-tschou, in deren unmittelbarer Nähe am Fuss einer Lösswand der Jui-ho in den King-ho einmündet.

 

Bei Tsch’ang-wu-hien hatten wir die Provinz Schen-si verlassen und betraten nunmehr Kan-su, die nordwestliche Provinz des Reiches der Mitte. Bei diesem Provinzwechsel mussten wir zu unserem Leidwesen feststellen, dass sich das Verhalten der Eingeborenen gegen uns Europäer sofort veränderte. Wir merkten alsbald, dass wir uns nunmehr in derjenigen Provinz Chinas befanden, die das schlimmste Gesindel des ganzen gewaltigen chinesischen Reiches beherbergt. Auch der grosse Räuberhäuptling Tung-fu-siang, der Führer der Boxer, hatte sich bis vor kurzem im äussersten Norden der Provinz bei Ning-hia aufgehalten.

 

 

(…)

 

Hinab zum Gelben Fluss

 

Eine aufregende Wagenfahrt

 

Bisher hatten sich uns in der Landschaft meist nur sanfte Formen dargeboten. Der alles „gleichmachende" Löss hatte die markanteren Züge der Höhenrücken, fast alle Kämme, Steilwände, Zacken und Höcker, Hügel und Kuppen, ja sogar ganze Täler mit seiner gelben Flut angefüllt und überdeckt. Die neuerstandene Landschaft hatte dadurch alle Reize verloren und bot dem Auge nirgends einen erfrischenden Ruhepunkt; eintönig und ermüdend erstreckte sich weithin das gleichsam gelbraun oder braungrau gefärbte Gelände. Auch üppiger Bauwuchs oder in Fruchtbarkeit strotzende Felder, die auf der ersten Strecke unserer Wagenfahrt der anmutlosen Lösslandschaft einiges Leben verliehen hatten, fehlten hier fast ganz.

 

Von Ping-liang an änderte sich das Bild. Die Geländeformen werden etwas eindrucksvoller; je weiter wir dann nach West-Nord-West in einem engen Seitentälchen des King-ho ansteigen, um so mehr gewinnt der Gebirgscharakter wieder die Oberhand. Trotz der stärker werdenden Höhenunterschiede behauptet sich der Löss in der Oberflächenform. Dafür nehmen die Lössschluchten so gewaltige Formen an, dass man manchmal an die Colorados Nordamerikas erinnert wird.

 

 

 

 

Bevor wir unsere Reise fortsetzen, wollen wir uns die Lössschlucht näher ansehen. Sie ist durch die Wirkung des Wassers im Zeitraum von vielen Jahrtausenden geschaffen worden. Alle Lössschluchten, wo immer wir ihnen begegneten, zeigten ähnlichen Charakter; überall ist ihre Entstehungsursache auf derselben Voraussetzung begründet. Denken wir uns nun, dass die im Bilde dargestellte Lösslandschaft ursprünglich eine Mulde war, die sich gegen den Beschauer nach vorn sanft gegen eine tiefer liegende, breite Falte senkte. Da der Löss porös ist und wie ein Schwamm aufsaugt, so dass es allmählich nach den tiefer liegenden Teilen durchsickert, so mussten die zuerst auf der Oberfläche der Lössmulde aufgefallenen nach dem tiefsten Teile der Lössdecke, dem Talboden, durchfliessen und sich in der Tiefenlinie des Tales langsam sammeln. Es bildet sich nun ein unterirdischer Bach oder Fluss, der sich im Laufe der Zeit ein immer breiteres und verzweigteres Flussbett schafft, und die Lössdecke langsam, aber beharrlich unterwühlt. Infolgedessen mussten jene Stellen, an denen die Unterwaschung und Aushöhlung am stärksten gewesen war, zum Einstürzen gebracht werden. Hier zeigten sich denn bald genug senkrechte Einbrüche, an deren Füssen sich Lösspolster hangartig vorlagern. Auf diese Weise werden Lössschluchten geschaffen, wie sie unser Bild darstellt. Die Unterwaschung der Lössdecke erfolgt nun aber durch ein Netz von Wasserläufen, die in ihrer Gliederung etwa der Verästelung eines Blattes vergleichbar sind. Der Einsturz der Lössdecke muss sich demnach in korrespondierender Weise vollziehen, und nur von überragenden Punkten aus konnten wir feststellen, dass diese Einbrüche ein schier unentwirrbares Geäder von breiten, gewaltigen Schluchten und tiefen Nebenschluchten bilden, die in den merkwürdigsten Formen der Linienführung, immer seichter werdend, bis hoch hinauf in die Lössrücken zu verfolgen sind. Da der Löss zu senkrechten Abstürzen neigt, und da der unterirdische Wasserlauf fast stets ein geringeres Gefälle hat als die Oberfläche des Lösspolsters, in die sich die Wasser eingefressen haben, so ist mithin die Höhe der Lösswände in den flussaufwärts liegenden Teilen der Lösszone eine viel grössere als unterhalb derselben. Ein gleiches gilt für das System der Nebenflüsschen. In der Nähe der höchstgelegenen Teile der Lössrücken, denen wir uns jetzt näherten, zeigten sich also die tiefsten Lössabstürze. Dort trafen wir denn auch mehrere hundert Meter hohe gelbe Lösswände an, die unvermittelt aus dem Boden des Flussbettes hochragen. Über deren Stirnwände baut sich die Oberfläche, terassenförmig ansteigend, hoch und höher und tritt immer weiter von der Schlucht zurück. Jede dieser Schluchten nimmt einige Seitenschluchten auf, die meistens in spitzen Winkeln zueinander einmünden, und jede dieser Seitenschluchten treibt wiederum unheimlich tiefe Risse, Klüfte und Spalten in grosser Zahl und vielfältiger Verästelung in die mächtige Lössdecke vor. Auf diese Weise entsteht ein wahres Labyrinth von Schluchten. Dieses Lösschaos hat an einigen breiten Lössmulden einen derartigen Umfang angenommen, dass man sich in die Unterwelt versetzt glaubt. Die Szenerie entspricht an solchen Stellen etwa Dantes „Inferno". So überwältigend und schauerlich zugleich hat wenigsten auf mich der Gesamteindruck dieser in den Lössschluchten von den Naturgewalten geschaffenen Labyrinthe, grottenartigen Höhlen, Kessel und Krater, Gassen und Schächte gewirkt.

 

 

 

Unser Fahrweg führte uns mitten durch eine solche Zerstörungszone. In schwindelnder Höhe mussten wir über Spalten und Klüfte, an Lösstürmen und –spitzen vorbeiziehen, während an einer Seite Abgründe von mehreren hundert Metern senkrecht in todbringende Tiefen führten. An einigen Stellen war sogar der Fahrweg unterwaschen; vor unseren Blicken öffneten sich plötzlich grausige Schlünde. Oder an anderen Stellen zeigte der Weg zahllose Spalten und Löcher, die wir, ehe wir den Übergang wagen durften, mit Balken, Brettern, Reisig und Löss sorgsam verstopfen mussten. Ein Gaul, der in solche Spalten einbricht, ist nur mit grösster Mühe wieder hochzubringen. Aber unser chinesische Fuhrmann schien solche Überraschungen zu kennen; für ihn hatten sie ihre Schrecken scheinbar verloren. „Der Weg", so sagte er, „hat Tausende von Jahren getragen. Warum sollte er gerade unter unserer Last zusammenbrechen!" Mit Unterstützung einiger Kulis und mit Hilfe von Holz, Reisig und Löss liessen sich die Wege rasch in Ordnung bringen, so dass wir ohne allzu grossen Zeitverlust weiterfahren konnten. Ringsum ragten hohe, nadelartige Lössgebilde gleich Obelisken zur Höhe; die starre Gliederung der gelben Erde schafft die merkwürdigsten und vielgestaltigsten Verwitterungserscheinungen. Von den Höhen der Lössspitzen oder Lösspolster schauten zuweilen kleine Tempelchen zu Tal, und auf den höchsten Kanten der steilabstürzenden Lössrücken thronten festungsartige Bauten, die den Einwohnern der nächsten Umgebung in Zeiten der Gefahr als Zufluchtsstätten dienen und nur dem Eingeweihten zugänglich sind.

 

 

Wieder an anderer Stelle bricht der Weg ganz plötzlich ab; er ist samt einigen Lössbrücken in die Tiefe gestürzt. In solchen Fällen blieb uns kein anderer Ausweg, als zurückzufahren und die von den Anwohnern gebaute Umfahrungsstelle aufzusuchen. Es muss unbedingt anerkannt werden, dass die Chinesen Meister des Wegebaus sind, wenngleich sie ihre Strassen nur selten unter Zuhilfenahme von Eisen, Zement und Steinen herrichten. Gerade in der provisorischen Schaffung von Verkehrsstrassen leisten sie in kürzester Zeit oft ganz Erstaunliches; es wäre sonst aber auch undenkbar, dass sich der gewaltige Verkehr auf diesen uralten Wegen bei den riesigen Strecken, die zurückgelegt werden müssen, im allgemeinen ohne empfindliche Störungen vollziehen könnte. Der an moderne, europäische Kunststrassen gewöhnte Reisende kann es zunächst meist gar nicht begreifen, wie es möglich ist, mit einem schwerbeladenen Lastwagen auf einer Hauptverkehrsstrasse zu fahren, die über unterspülte, dem baldigen Zusammenbruch verfallene Lösswände und Lössbrücken führt und wirklich noch so lange trägt, bis sein letzter Wagen die gefährdeten Stellen glücklich überwunden hat. Die chinesischen Wagenlenker hingegen, die alle Tücken dieser Lösskunststrasse von Kindesbeinen auf kennen, sind gegen derartige Sorgen und Beunruhigungen gefeit. Höchstens an ganz bedenklichen Stellen verlassen sie ihre Sitz und raten dem europäischen Fahrgast, eine bestimmte Strecke zu Fuss zurückzulegen. Unser sehr gleichmütiger Rosselenker bewegte sich nicht gern von seinem Platz; ihm war es erwünscht, wenn wir selbst Hand anlegten, den in tiefem Lössstaub festsitzenden Wagen wieder flottzumachen oder, wenn dieser gar mit einem der Räder über dem Abgrund hing, ihn wieder auf festen Boden zurückzubringen.

 

 

 

 

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China Expedition anno 1904

 

 

Auszüge aus dem Buch Tschung Kue – Im Reich der Mitte von Wilhelm Filchner, Berlin 1924

 

 

 

 

Zum Geleit

 

Ganz Asien steht im Zeichen politischer Gärung. Selbst das uralte China hat sich auf die Dauer den neuzeitlichen Einflüssen und Strömungen nicht verschliessen können. Es wäre jedoch unzutreffend, infolge der verschiedenen revolutionären Erschütterungen an einen vollkommenen und dauernden Zusammenbruch des Reiches der Mitte glauben zu wollen. China, das während seines mehrtausendjährigen Bestehens manche schwere Krise überstanden hat und aus eigener Kraft die ernstesten innerpolitischen Probleme zu lösen vermochte, wird auch aus dem gegenwärtigen Gärungsprozess ungeschwächt hervorgehen, vorausgesetzt, dass es sich den Zeitläufen und Geschehnissen in weiser Erkenntnis einordnet und die Neubildungen, die der Weltprozess gebieterisch fordert, aus sich selbst schafft. Dieser natürliche Wandlungsprozess wird durch die Machenschaften einiger Generale und Usurpatoren beunruhigt; sie wollen in Selbstsucht und Eigensucht in der schwülen Situation Vorteile für sich herausschlagen und die Leitung des Staates an sich reissen. Dabei kommen ihnen die im männermordenden Weltkrieg auf den westeuropäischen Kriegsschauplätzen gesammelten Erfahrungen im Waffenhandwerk und die Versorgung mit Mordinstrumenten durch fremde Staaten überaus gelegen.

 

Jeder Kenner der Eigenart des chinesischen Volkes weiss, dass das Riesenreich auch diesmal den starken Mann aus seinen Reihen hervorbringen wird, der dem Sturm im Innern gewachsen ist, und der im gegebenen Augenblick die Zügel der Herrschaft ergreifen wird, um dem chinesischen Volke, das den kriegerischen Verwicklungen ehrgeiziger Machthaber ohne innere Beteiligung abwartend gegenübersteht, die Ruhe zur Sammlung, zu friedlicher, werktätiger Arbeit und zu kluger Einstellung in die neuen Verhältnisse zu verschaffen.

 

Wir Deutschen verfolgen den Gärungsprozess im Reiche der Mitte als objektive Zuschauer in der Zuversicht auf die vielfältigen Kräfte, die im chinesischen Volke schlummern! Dennoch wird jeder Verehrer der alten chinesischen Kultur und Eigenart mit schmerzlichen Empfindungen erkennen, dass dieses Riesenreich an der Schwelle einer neuen Zeit steht, die auch diesem Lande, das sein charakteristisches Gepräge so lange zu behaupten wusste, ein neues Gewand geben wird.

 

Es gereicht mir zur besonderen Freude, in diesem bescheidenen Bändchen ein skizzenhaftes Bild der alten, chinesischen Kultur zu entwerfen, die vielleicht schon bald der Vergangenheit angehört. ….

 

…. Ich hege den Wunsch, mit dem vorliegenden Werke das Interesse der heranwachsenden Jugend an erdkundlichen Fragen zu fördern und ihr ausserdem einen tieferen Einblick in die Psyche des chinesischen Volkes zu vermitteln. In unserer Zeit der Verarmung und Bedrückung ist es dem deutschen Volke auf lange Zeit hinaus versagt, aus eigenen Mitteln Forschungsreisen nach fernen Erdteilen auszurüsten. Aber darunter soll die Erweiterung des Gesichtsfeldes nicht leiden. Wenn diese trübe Zeit der Entrechtung und Hemmung der freien Entwicklung für unser schwergeprüftes Vaterland dereinst einem neuen Morgenrot weichen wird, dann werden sich auch bei uns wieder tatkräftige und opferfreudige Männer finden, die sich weite Ziele stecken und ihre ganze Kraft einsetzen, um zur Kenntnis ferner Zonen und Völker unseres Planeten beizutragen. …

 

 

                                                 

 

 

…Am 8. Dezember bestiegen wir die „Sutai" und traten eine fünftägige Fahrt auf dem „Blauen Fluss", dem Yang-tse-kiang, stromaufwärts an. In majestätischer Grösse breitet sich diese gewaltigste natürliche Verkehrsstrasse Chinas, vielleicht der ganzen Erde, aus; in ihren schiffbaren Nebenflüssen greift sie tief in das gebirgige Hinterland des Reiches der Mitte hinein und beherrscht mit ihrem Stromgebiet ganz Mittel-China. Im Norden Schang-hais, hart an der chinesischen Küste, nur wenige Breitengrade nördlich von der Mündung des Yang-tse-kiang, eilen die schmutzig-braunen Fluten des Zwillingsbruders des „Blauen Flusses", nämlich des viertausend Kilometer langen Huang-ho, des „Gelben Flusses", am Golf von Petschili dem Meere zu. Je weiter sich die „Sutai" von der Küste entfernte, um so grösser wurde auch die Entfernung zwischen den beiden grossen Strömen. An den entlegensten Orten in Nordsüdrichtung liegt eine Strecke von etwa fünfzehn Breitengraden (hier handelt es sich um den nördlichen Teil des grossen Doppelknies des Huang-ho, das sich nach Norden bis in die Gegend Ning-hia und weiter bis in die Wüste Gobi vorschiebt) zwischen den Strömen. Jeder Kenner der inneren Verhältnisse scheidet gern vom Huang-ho; denn er weiss, dass dieser Strom, der Träger des ganzen nordchinesischen Bewässerungsnetzes, über China seit Jahrhunderten grenzenloses Unheil gebracht hat. Ganz zutreffend gab ihm der chinesische Kaiser Kia-k’ing den Namen: "Chinas Kummer seit den ältesten Zeiten". In diesem Zusammenhang möchte ich auf die verheerenden Überschwemmungen der Jahre 1868, 1869, 1872, 1874, 1889 und ganz besonders auf jene im Frühherbst des Jahres 1887 hinweisen, bei denen der heimtückische Strom in seinem Unterlauf die Dämme zerriss (diese Dämme sind von höchster Bedeutung, weil der Wasserspiegel, besonders bei Hochwasser, bedeutend höher liegt, als die Huang-ho-Ebene. Der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser kann über 15 Meter betragen. Die Instandhaltung der gewaltigen Dämme ist mit grossen Geldkosten verbunden; sie müssen dauernd auf etwaige Schäden untersucht und ausgebessert werden) und ein Gebiet in der Ausdehnung Ost- und Westpreussens oder Belgiens und der Niederlande in kürzester Zeit unter Wasser setzte. Bei dieser Katastrophe sollen weit über eine Million Menschen den Tod gefunden haben.

 

 

                                                 

 

 

Und gerade der Oberlauf dieses heimtückischen Stromes war mein Ziel! Westlich der Nord-Süd-Linie durch das Doppelknie des Huang-ho rücken die Oberlaufstrecken und Quellgebiete der grossen Zwillingsströme näher zusammen; in ihrem hydrographischen Aufbau zeigen sie mancherlei Seltsamkeiten und haben vieles gemeinsam.

 

Am 13. Dezember hatte die „Sutai" von Schang-hai ab insgesamt 936 Kilometer zurückgelegt und landete in dem mächtigen Binnenhafen Han-k’ou, dem eigentlichen Ausgangspunkt meiner Expedition. Han-k’ou, das 1861 dem Welthandel angeschlossen wurde, hat heute ein ganz anderes Gesicht, als in der vor dem Tai-ping-Aufstand liegenden Epoche. Damals soll die Stadt dennoch viel ausgedehnter gewesen sein; ihre Einwohnerzahl wurde auf mehrere Millionen geschätzt. Aus dem während des Aufstandes teilweise niedergebrannten, geplünderten und verwüsteten, einst reinchinesischen Han-k’ou ist im 19. Jahrhundert eine moderne Welthandelsstadt erstanden. Sie breitet sich vorwiegend am linken Ufer des Han aus. Im Osten, am Nordufer des Yang-tse-kiang, schliesst sich eine eigene Fremdenstadt an, die das Handelszentrum für den Überseeverkehr mit Mittel- und Westchina darstellt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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