Der unsterbliche Geist von Chang An                                Luc Théler

 

 

In den Jahrhunderten der sogenannten Streitenden Reiche ende der Zhou-Dynastie versuchten allerlei Sekten die Gunst der zahlreichen Herrscher zu erlangen. Die Philosophen und Strategen, wie sie detailliert in den Schriften des Kongzi (Konfuzius), des Prinzen von Huainan im Wenzi, im Liezi oder im Zhuangzi beschrieben werden, waren häufig als eine Art Agenten in geheimer Mission unterwegs, um befreundete (vermeintlich befreundet) oder verfeindete Staaten stratagemisch zu beeinflussen oder Informationen zu erwerben. Nicht selten handelte es sich dabei um hoch angesehene Kulturträger, deren Glanz eines Herrschers Prestige aufpolieren sollte.

 

        Herrlich zeigt dabei Huzi dem Liezi auf, wie ein Magier, den alle Menschen fürchten, entlarvt werden kann, indem Huzi dem Magier ganz einfach die tiefe Natürlichkeit der Erde, eines Baumes, oder eines Berges entgegenhält, sich in seine innere Natur versenkt, sich vergisst, so sich der Taoist des Magiers entledigt.

 

        Gerade in dieser wirren Zeit der Streitenden Reiche sammeln die alten Ärzte-Familien Li oder Zhang, ihr Wissen, um den wirren Zauberpraktiken und Blutkulten entgegenzuwirken, die das Land in immer verworrenere Kriege stürzt. Der Archivar Li Er kompiliert das „Wuqianzi“, den Kanon der Fünftausend Zeichen, später auch Dedaojing oder Daodejing genannt, Kanon der Tugend und des Weges, respektive des Weges und der Tugend.

 

 

        Li Er wird auch Laozi genannt, etwa mit das alte Kind zu übersetzen. Laozi aber – das alte Kind, oder umgekehrt genauso der kindliche Alte – steht im alten China synonym für die wiederkehrende Reinheit der Ahnen im neugeborenen Kind. Das Kind ist in dieser Beziehung das A und das O der daoistischen und protodaoistischen Kosmologie, in dessen unverfälschten Urzustand der Spontanität sich der Weise immer wieder „zurückversetzt“ in der Gegenwart.

 

        Schon der legendäre Herrscher Taohao, auch Fuxi genannt, sah die Zeichen der Sterne im Wasser sich spiegeln und riet den Menschen zur monogamen Ehe und zum Fischen mit Netzen. Die sich laufend wandelnde Defensivkraft des Wassers gilt in all diesen protodaoistischen und daoistischen Traditionen als die heilende Einheit, die das Kind schützt.

 

        Taoistische Libationäre (jiuji) ersetzten das Blutopfer mit dem Weinopfer ganz ähnlich wie die „grünen Druiden“ Irlands, St. Pelagius oder St. Patrick, die Blutopfer mit den „grünen Kulten“ ersetzten. Überhaupt ist es äusserst interessant zu beobachten, wie an dem Ort, wo Li Er, oder eben Laozi, dort wo er laut Legende am meisten Schüler einweihte, nämlich unweit dem daoistischen Kloster und Heiligtum Louguantai unweit von ChangAn (heutiges Xian), ein ganzer Kanon von christlicher Heilslehre daoistischer Prägung geehrt wird – in vielen Büchern.

 

        Dieselbe Familie Li erscheint einige Jahrhunderte später als Gründerfamilie der Tang-Dynastie. Hier gibt es ab dem 7.Jht.n.Z. bald eine nestorianische Kirche in der Hauptstadt, buddhistische Klöster, indische Viertel, tibetische Viertel, jüdische Viertel und viele mehr. Kurz: Chang An, was wir heute als Xian kennen, ist vielleicht, oder sagen wir war vielleicht, die schillerndste und lebendigste Weltmetropole der Geschichte.

 

 

Li Yuan eroberte Chang An 617 und erstieg als Kaiser Gaozu den Kaiserthron. Dieser Li Yuan war in der Tat in einem Familienbündnis mit Turkvölkern und hatte selbst türkisches Blut. Insbesondere seinem Sohn Li Shimin als Kaiser Taozong ist es zu verdanken, dass die Seidenstrasse und damit das Reich der Mitte gesichert werden konnte.

 

In der Tat waren die Li-Kaiser nicht nur eine Dynastie, die sich auf Li Erh alias Laozi beriefen, sondern sie waren tatsächlich Taoisten, die selbst Priesterweihen in der Shangqing-Tradition empfingen, dies mitunter durch den Shangqing-Patriarchen Sima Chengzhen. Die Shangqing-Tradition des Taoismus ist eine verfeinerte Form des Engel- oder Himmelsmeister-Taoismus (Tianshi bedeutet in der Tat auch Engel, was selten korrekt übersetzt wird), die auf Wei Huacun, eine Libationärin aus Hangchow zurückgeführt wird. Charakteristisch für die Shangqing, oder Obere Klarheit ist die Gleichstellung von Frau und Mann, die Notwendigkeit der Unterstützung der Bedürftigen und Kranken als auch die sprichwörtliche Poesie, aus der auch ein Li Bo, oder der letzte Tang-Kaiser, Li Yu, schöpften. Man trug farbenprächtige Mode aus arabischer, tibetischer, auch keltischer Hand, karikierte sich gegenseitig, kokettierte mit fremdländischen Sitten. Die rotbärtigen Tocharer grenzten an die Tang-Kaiser, äusserst geschickte Schneider, Weber und Barden, von denen Xuanzang, der chinesische Buddhist, der Dutzende buddhistische Sutren aus Indien auf beschwerlichen Wegen nach Chang An zurückbrachte berichtete, sie hätten ein äusserst gutes musikalisches Gedächtnis. So waren die fromm-buddhistischen Tocharer mit ihren keltischen Rotbärten auch gefragte Musiker und Barden im Tang-Reich.

 

Düfte und Stoffe aus aller Welt erfreuten das Herz. Gegen ende einer Dynastie verödeten immer wieder apokalyptische Reiter das Reich – die Karten mussten neu gemischt werden.

 

In der Ming-Dynastie wiederum (1368-1644) wiederum versuchten die Verwaltungskasten der Kaiser eine allmächtige Geheimpolizei aufzubauen, das Land akribisch durchzustrukturieren und das Reich so straff und zentralistisch zu führen, dass keine fremdländischen Horden mehr eindringen konnten. Immerhin vermochten die Ming die Mongolen gänzlich zu bändigen und konnten Huaxia knapp drei Jahrhunderte halten.

 

Man schickte beispielsweise unter dem Vorwand, den legendären Daoisten Zhang Sanfeng zu finden, eine Geheimpolizei ins gesamte Reich aus. Diese gaben sich als Taoisten aus und waren durch allerlei Praktiken geschult, das Volk auszuspionieren. Man baute auch Tempel in den Wudang-Gebirgen um den Zhang der Drei Gipfel zu ehren, mitunter auch Stützpunkte des Ming-Geheimdienstes.

 

Die Taoisten mussten Identitätskarten auf sich tragen und die Meister wurden häufig unter Karantäne gestellt. Doch damit untergrub sich die Doktrin der Mandarine wohl selbst, denn immer mehr Geheimkulte breiteten sich aus, die sich immer schlechter überschauen liessen und das Land letztendlich destabilisierten.

 

Das Problem mit den Geheimsekten ist vielleicht, und das nicht nur im China der Vergangenheit, sondern global gesehen, dass sie umsomehr Macht haben, umsomehr man sie verdrängt. Oder anders gesagt, weil man häufig die wahrhaften Spezialisten unterdrückte und isolierte. Unzählige Seuchen gehen aus dieser Perspektive aus Blutkulten heraus, die nicht fachgerecht von spirituellen Spezialisten gehandhabt werden können, da man ihnen ins Handwerk pfuscht.

 

In Asien, aber auch in Afrika existieren Blutkulte (und nicht nur dort), wo beispielsweise

Schutz- aber auch Todesbanne mit dem Schlachten eines Tieres einhergehen.

 

Doch um sich hier klar abzugrenzen: Weder im Voodoo, noch im Taoismus, dem Buddhismus, Islam, Christentum, Hinduismus oder Schamanismus existieren nur Schwarz oder Weiss. Damit meine ich, dass es in allen spirituellen Traditionen verschiedenste Richtungen und Prägungen gibt. Letztendlich ist es der einzelne Mensch, der zählt und wozu er sich entschliesst. Diese Entschlüsse im Moment müssen nicht durch eine Tradition gerechtfertigt werden.

 

In Taiwan beispielsweise nennen sich Tiere opfernde Leute als „zhengyi“. Zhengyi bedeutet soviel wie korrekte Einheit. Doch zhengyi ist nach dem Standardwerk des altüberlieferten Taoismus, dem Xiang Er, strikte gegen jede Art von Blutopfer. Im Gegenteil fordert das Xiang Er die Subordination gegenüber jeder Form von Divinität ab und lädt ein zur Einheit des universellen Wassers, zur Flexibilität (auch gegenüber dem eigenen Regelwerk) und Nachgiebigkeit. Das „Praktizieren“ von Wasser entspricht auch dem Fluss des lebendigen Universums, dessen Resonanz der Mensch ist.

 

In aller Bescheidenheit: Die chinesische Führung täte nach meiner Einschätzung gut daran, das ursprünglich geplante rigorose Umsetzen des Kyoto-Protokolls durchzuziehen.

 

China könnte eine Vorreiterrolle einnehmen in einer ökologischen Revolution, eine „grüne“ Revolution, aufbauend auf der „Roten“, die allen Menschen den Status der Gleichheit ermöglichte. Ich persönlich war, bevor ich das erste mal nach China reiste vor knapp zwanzig Jahren, voreingenommen, was die Freiheitsrechte im Land der Mitte anbelangte. Ich dachte wie die meisten Menschen im Westen, das kommunistische China würde sich gegenüber den Buddhisten unhöflich benehmen etc, was ja manchmal bestimmt der Fall war und auch ist. Doch ich lernte im Laufe der Zeit, dass die einfache Bevölkerung in China wahrscheinlich das erste Mal seit sehr vielen Jahrhunderten einen gewissen Status des Menschseins erlebten, der sich durch Sicherheit und der Unbesorgtheit gegenüber dem nächsten Tag auszeichnete. Die Menschen mussten in den Jahren des strengen Kommunismus die Türen nicht abschliessen und hatten genug zu essen. Sie waren sozial abgesichert und jedes Mädchen und jeder Junge hatte das Recht auf Schulbildung. Es ist aus dem Westen schlichtweg unvorstellbar, um welche Kultursubstanz es sich im Reich der Mitte handelt. Doch nicht nur in China, global gesehen brauchen wir Menschen eine Perspektive der Sicherheit, die sich auf eine konsequente Einleitung von wirklichen Massnahmen zum Paradigmenwechsel in eine ökologische Weltsicht, eine ökologische und menschliche Perspektive, die Hand und Fuss hat, konzentriert.

 

China, und mit China der gesamte Globus haben wahrscheinlich keine andere Wahl als das konsequente Umsetzen von ökologischen Standarts. Mit China könnte ökologische Technik absolut bezahlbar werden. Doch Technik sollte den Menschen nicht dominieren.

 

Der Vizepräsident der Chinese Daoist Association, Zhang Jiyu, hat ein geniales Modell einer ökologischen Ethik entworfen. (englisch: Daoism and Ecology, deutsch in „der Goldene Kreis des Drachen“).

 

China hat geniale Denker, Forscher, Arbeitskräfte, ein gewaltiges Kulturpotential, das in der Welt von heute und morgen Akzente setzen kann. Ich wünschte mir das China des multikulturellen Chang An: Farbenprächtig, Kunstbesessen, Fortschrittlich, Bündnisstark, Autark.

 

 

XiangEr: Stephen Bokenkamp, Early Daoist Scriptures, Berkeley University Press

 

 

 

 

 

Das Copyright aller Essays liegt beim Autor (L.T.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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