Kreatives Chaos
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Da ist ein Wesen aus dem Chaos geformt.
Es ist vor Himmel und Erde.
Still und leer,
steht allein und unveränderlich,
kreisend – unerschöpflich.
Es könnte die Mutter der Welt sein.
Ich weiss seinen Namen nicht.
Also nenne ich es Dao,
mangels treffender Bezeichnung „gross“.
Wenn es gross ist, dann strömt es dahin,
weit weg strömt es und kehrt zurück.
Das Dao ist gross,
der Himmel ist gross,
die Erde ist gross,
und auch der Mensch ist gross.
Es wirken vier grossartige Kräfte im Reich –
der Mensch ist eine.
Der Mensch formt sich aus der Erde,
Die Erde aus dem Himmel,
der Himmel aus dem Dao,
Dao formt einfach so.
Wohl die meisten Urkulturen dieses Planeten gingen in ihrer Kosmologie von einem alles gebärenden und unfassbaren Chaos aus. Dieses Chaos hatte im Gegensatz zu den kirchlich geprägten westlichen Kulturen der letzten zweitausend Jahre keinerlei negativen Unterton. Im Gegenteil wurde dieses Chaos, dieses Dunkle und Unbewusste, das Unterbewusstsein, das Verborgene, die Trance und mit dieser die Ekstase als die einende Geborgenheit kultiviert, die für den sozialen Zusammenhalt eine zentrale Rolle einnahm. Das kreative Chaos wurde als die Mutter des Weltalls, die Quelle des Lebens, die Wurzel des Seins besungen und getanzt. Noch in vielen heute existierenden Kulturen wird die Weltenmutter vielleicht unbewusst oder bewusst in sozialen Tanzriten, die ganze Völkerscharen in Trance zu versetzen mögen, geehrt. Dies geschieht wahrscheinlich dann, wenn eine Stadt oder eine Nation Karneval feiert, sich Tag und Nacht durch durchgehende Rhythmen von Ängsten und Nöten freimacht und so die kollektiven Sorgen, die man früher vielleicht alte und böse Geister genannt hat, vertreibt, um Raum zu schaffen für das neue Geschehen, das neue Jahr, den Frühling, eine neue Familie, eine Geburt oder einen Heilungsprozess. In vielen Naturreligionen wird bei einem Krankheitsfall das gesamte Dorf miteinbezogen, um den Betroffenen von seinem Übel zu befreien, da vielleicht auch befürchtet wird, dass das Übel sich ausbreiten könnte.
Im alten China wurden für das Fehlverhalten eines Menschen häufig dessen gesamte Sippe verantwortlich gemacht. Solch eine Sippe gleichen Familiennamens konnte ganze Dörfer oder Regionen dominieren, was zu Jahrhunderten dauernden Fehden führen konnte. Wir kennen diese kollektive Art der Verantwortung in vielen Formen und Auswirkungen auch in modernen Kulturen, man denke an die vielen Fehden des europäischen Mittelalters, aber auch noch des heutigen Afrikas. Aber auch viele Heilungsriten betreffen ganze Kulturen. Der Grund für die Suche nach Ekstase und Trance ist vielleicht ein kollektiver Wunsch nach Einheit, zum tiefen verborgenen Urgrund des kreativen Chaos, des Unterbewusstseins, der Suche nach Geborgenheit und Einheit in den Tiefen unseres Seins. Auch kollektive Naturriten wie Weihnachten oder Ostern sind letztendlich vielleicht allesamt aus älteren Riten entlehnte Feste der Erneuerung. Das Abstossen des Alten, um dem Neuen Platz zu machen.
Das kreative Chaos und die Erneuerung zurück zu dessen natürlicher Einheit wird in verschiedenen Kulturen durch verschiedene Mythen und Legenden überliefert. Wir kennen es als Traumland in vielen Märchen, als Feenland, als Jenseits, als Drachen, als Brunnen, als verborgener Quell, als alte weise Frau, aber auch als das Land der Toten, als Unendlichkeit, als das Jenseits oder als den Himmel vor der Geburt – xiantian. Im altchinesischen Fundus der Mythologie finden wir auch den unbehauenen Chaosfelsen pu, zu dessen Ursprünglichkeit und archaischen Einheit der Daoist sich zurückbesinnt. Wir kennen die Legende des pangu, des Urgeschöpfes, das im Ei sich entwickelt und aus dem Ei ausbricht, die Eierschale sprengt und Himmel und Erde erschafft. Diese Mythologie des pangu, wie sie in meinem Buch „Grundlagen und Praxis des Hunyuan Qigong“ neben anderen Mythen und Legenden ausführlicher nacherzählt wird, beschreibt in einzelnen Versionen auch, wie sich pangu an den Ur-Chaosfelsen pu mit Hammer und Meissel heranmacht, um aus ihm die vier heraldischen Totems zu erschaffen, den roten Phönix feng für den Süden, die schwarze Schildkröte guei für den Norden, den weissen Tiger baihu für den Osten und den grünen Drachen lülong für den Westen. Diese vier Grundembleme werden wir in der Religion des Dao noch öfters antreffen, denn sie haben sich seit dem chinesischen Altertum bis in die Gegenwart als die wichtigsten Totems erhalten.
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Das Dao ist ewig und trägt keinen Namen.
Obschon die ursprüngliche Einheit –
der unbehauene Klotz – unscheinbar ist,
würde niemand in der Welt es wagen,
ihn beherrschen zu wollen.
Würden Könige und Prinzen dazu in der Lage sein,
die ursprüngliche Einheit des unbehauenen Klotzes
zu verkörpern, würden sich die zehntausend Wesen
und Umstände sich aus sich selbst fügen.
Himmel und Erde werden verschmelzen,
und ein sanfter Regen wird fallen,
und die Menschen werden selbstordnend,
das Gleichgewicht entsteht aus sich selbst.
Erst durch seine Bearbeitung,
kommen Namen hervor.
Sobald da die Namen sind,
sollte man erkennen,
dass der Zeitpunkt des Aufhörens eingetreten.
Den Zeitpunkt des Aufhörens zu wissen,
kann Gefahr vermieden werden.
Das Dao ist für die Welt,
was Flüsse und das Meer,
für die Bäche und Ströme.
Eine weitere populäre Legende ist diejenige des Kaisers Hundun, wie sie vom bedeutenden daoistischen Archivar Zhuangzhou (Zhuangzi) überliefert wurde. Demzufolge ist Kaiser Hundun ein reines kosmisches Wesen, frei und schrankenlos, bis zwei „kultivierte“ Herren meinen, ihn „zivilisieren“ zu müssen, und ihm jeden Tag ein Loch mehr in seine Gestalt gebohrt hätten, für Augen, Nasen und alle Körperöffnungen. Am siebten Tag verendete Hundun.
Dies ist eine daoistische Parabel für die Dekadenz der verkommenen Gesellschaft, die ihre Sinne zum reinen Genuss gebraucht, im Äusserlichen verweilt, worauf das Fluidum der ursprünglichen Einheit und kosmischen Freiheit aus dem ungeteilten Urkörper des Kaisers aus den Löchern der nach aussen gerichteten Sinne entweicht. Aus dieser Perspektive geht der Daoist den Weg zurück, schliesst seine Öffnungen und wendet seine Sinne nach innen, um hundun wiederzuerlangen, die vorgeburtliche Freiheit des Himmelskindes. Jeder menschliche Embryo und damit jeder Mensch hat die Anlage des Himmelskaisers in sich, verkörpert ursprünglich das Wesen des hundun, verliert diese Unsterblichkeit des Himmels aber zunehmends durch die exzessive Überreizung der Körpersinne. Die daoistischen und protodaoistischen Mythologien sind dermassen in der chinesischen Kultur eingebettet, haben sie dermassen grundlegend geprägt, dass es nicht erstaunt, in China frühmorgens am Strassenrand eine schmackhafte (Ur)Suppe namens hundun zu sich nehmen. Tatsächlich erinnert einen der Blick in die Suppenschale an eine kleine Spiralgalaxie, die man gleich zu sich nehmen wird.
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Die Welt hat einen Urbeginn.
Und dieser Urbeginn könnte die Mutter der Welt sein.
Wenn du die Mutter erkennst, erkennst du auch die Kinder.
Nachdem du die Kinder erkannt hast, dann geh zurück und
stehe zur Mutter.
Und bis zum Ende deiner Tage wird dir keine Gefahr begegnen.
Versperre die Öffnungen.
Schliesse die Türen.
Und dein ganzes Leben lang wirst du nicht auslaufen.
Versperre die Öffnungen nicht,
vermehre deinen Ärger,
und am Ende deiner Tage wirst du kaum Erlösung finden.
Das Kleine zu beachten, nennt sich Klarsicht.
Flexibel zu bleiben, nennt sich Stärke.
Verwende den Glanz, doch sei nicht zu scharfsinnig.
Bring kein Unglück über dich.
Dies nennt sich, dem Ewigen zu folgen.
Das kreative Chaos wird auch häufig als die Mutter des Mysteriums, die dunkle Quelle dargestellt – xuanmu oder xuanyuan. Xuan als Konzept des dunklen Wassers, das Verborgene, undurchschaubar kosmisch Weibliche und damit chaotisch und doch zyklisch Erschaffende und Zerstörende erinnert den modernen Menschen, der sich für Astrophysik oder Quantenphysik interessiert, stark an die viel diskutierte sogenannte Dunkle Masse (dark mass). Physiker kommen je weiter sie forschen um so mehr zur Erkenntnis, dass diese dark mass eine entscheidende Rolle als Trägerin und Grundsubstanz im Kosmos darstellt. Alle Prozesse, die irgendwie sichtbar oder feststellbar werden, scheinen demnach nur möglich zu sein, da sie aus dem undifferenzierten Körper dieser dark mass sich entwickeln können. Dementsprechend stellt die dark mass eine Art unkohärente, wir könnten sagen kreativ chaotische „Zwischenallemstellung“ ein. Alles was zwischen Geburt und Tod einer Galaxie, eines Sternes, eines Sonnensystems oder eines Spiralnebels passiert, „ruht“ sich sozugagen in der Dunklen Materie aus, bringt sich in dieser kosmischen Gebährmutter wieder in „Urform“ zurück, zurück zur Einheit des hundun. Dieser Prozess wird in der Religion des Dao als Umkehr des Lichts (huiguan), Einkehr (neiguang), als Sinkenlassen, Läutern und Nachgeben wie Wasser (shuidao) oder als zuowang – Sitzen und Vergessen beschrieben – wohl die grundlegendste und wichtigste tägliche Praxis der Religion des Dao. Noch unzählige Begriffe mögen diese Umkehr zur Einheit oder besser „Nullheit“ des Dao beschreiben.
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Das Tal, seine Seele ist unsterblich.
Es ist das Mysterium des Weiblichen.
Das Tor des weiblichen Mysteriums
Ist die Wurzel von Himmel und Erde.
Schwer zu erfassen, scheint es doch da.
Doch kann seine Nutzung es nie austrocknen.
Wu als „Nicht“ oder „Nichtvorhandensein“ – als „Absenz von….“ können wir in der daoistischen Terminologie auch oft antreffen, häufig in Verbindung mit einem Attribut, dass wir nicht kultivieren wollen. Beispielsweise das willkürliche und verstandeskontrollierte, das ehrgeizige Eingreifen (wei) oder Handeln – Tun (wei) neutralisieren wir, indem wir es im daoistischen Sprachgebrauch durch wu, durch „die Absenz von“ wie zu einem Emblem der Spontaneität, also vom teilenden ehrgeizigen und berechnenden Tun in die einende Eigenschaft des kreativen Chaos, das Fliessenlassen in der Absenz von Eingreifen – WU WEI – umkehren.
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Umgekehrt bewegt sich das Dao.
Durch Schwäche wirkt das Dao.
Die zehntausend Wesen und Dinge,
sind aus etwas hervorgegangen.
Etwas ist aus Nichts hervorgegangen.
Wieder der Weg, die Umkehr zur geborgenen Einheit des kreativen Chaos des hundun, zurück zum Dao. In dieser Art überlistet die Religion des Dao die Sprache, die die Sinne nach Aussen lenkt, indem sie sie in ihrer Aufstellung des Sinngehaltes zum einenden Zusammenströmen inspiriert. Sprache an sich ist in der Religion des Dao nicht sehr bedeutend, was sie energetisch auslöst, jedoch sehr wohl. Im Buch „Grundlagen und Praxis des Hunyuan Qigong“ habe ich das Momentum des kreativen Chaos, wie es der daoistische Begriff xuan oder der westliche astrophysische Begriff dark mass beschreibt, dargestellt als die Ursubstanz, die in unseren Zellkernen unser gesamtes Erbmaterial, also unser Lebenspotential beherbergt. Zwischen jeder Zellteilung, wo sich kohärente Energie beginnt, zu sammeln, ist diese unsere billionenfache Ursubstanz des Chromatins in den Schaltzentralen des Lebens unseres Körpers, undifferenzierbares, undurchschaubares kreatives Chaos.
Daodejing
1
Das Dao, das wir beschreiben können,
ist nicht das beständige Dao.
Der Name, den wir nennen können,
ist nicht der wirkliche Namen.
Unnennbar - ist der Anfang
von Himmel und Erde.
Nennbar ist die Quelle,
Mutter der zehntausend Wesen.
Frei von Wünschen,
können wir ihre Geheimnisse erfahren.
Durch das Wünschen,
können wir ihre Auswirkungen erkennen.
Die Quelle ist dieselbe,
Die Namen sind verschiedene.
Ihre Einheit ist das Mysterium –
Portal unendlicher Geheimnisse